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Verdammt, Erfolg zu haben

Wirtschaftsminister aus Afghanistan sprach über Lage im Land / Eintrag ins Goldene Buch

yve Wenden. ?Vor uns steht ein exzellenter Idealist.? Diese Worte fand am Mittwochabend Gerd Müller, erster stellv. Bürgermeister der Gemeinde Wenden, bei einer nicht alltäglichen Veranstaltung im Ratssaal in Wenden. Dr. Jalil Shams, Wirtschaftsminister aus Afghanistan, berichtete über die aktuelle Lage im Land. Zuvor trug er sich im Beisein von Gerd Müller, der Fraktionsvorsitzenden Kunibert Kinkel (CDU), Robert Dornseifer(SPD), El-mar Holterhof (Grüne), Jochen Sauermann, zweiter stellv. Bürgermeister der Gemeinde Wenden, und Masaod Roohani in das Goldene Buch der Gemeinde Wenden ein. Nicht zum erstem Mal verweilte Dr. Shams, der durch Studium und Dozententätigkeit eng mit Deutschland verbunden ist, in Wenden. Er referierte bereits im Rahmen des Interkulturellen Dialogs des Vereins Afghanistan-Hilfe Wenden, Deutsch- Afghanische Gesellschaft für interkulturellen Dialog und hunanitäre Hilfe. Masaod Roohani, der viele Jahre als Arzt in Wenden praktizierte, sitzt diesem Verein vor. Roohani und Dr. Jalil Shams verbindet nicht nur das Ziel, Aufbauarbeit in Afghanistan zu leisten, sondern auch eine enge Freundschaft. ?Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich, hier bei Ihnen in Wenden sein zu können?, begrüßte Dr. Shams die Anwesenden. Er fühle sich verpflichtet, Informationen aus erster Hand über die Verhältnisse in Afghanistan an die Wendener Bevölkerung weiterzugeben. Denn unter dem Schutz der Demokratie sei der Widerstand gegen das alte System politisch organisiert worden ? auch in Wenden. 1995 begannen von Pakistan aus die radikal-islamischen Taliban, das Land zu erobern. Sie nahmen bis dahin die Städte Kandahar und Jalalabad ein, die Stadt Kabul und bis 2001 etwa 90 Prozent des Landes. Ausgerufen wurde das Islamische Emirat Afghanistan. Die einzig verbleibende Opposition, die Vereinigte Islamische Front zur Rettung Afghanistans, auch bekannt als Nordallianz, konnte sich lediglich noch einen kleinen Landstrich im Nord-osten halten. Musik, Sport, Bilder und Fernsehen wurde verboten, fast sämtliche Schulen und Universitäten ge-schlossen, Männer gezwungen, Bärte zu tragen. Zudem waren Frauen und Mädchen Schulbesuch und Berufstätigkeit untersagt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 führte die USA eine Invasion Afghanistans mit Hilfe einer Allianz unter ihrer Führung durch. Es gelang, die herrschende Taliban zu stürzen. Im Dezember 2001 trafen sich Vertreter afghanischer Gruppen und Delegierte der internationalen Gemeinschaft zur Petersberg- Konferenz in Bonn und einigten sich auf das so genannte Petersberger Abkommen, das unter anderem einen Stufenplan zur Demokratisierung des Landes vorsah. Den Abschluss des Abkommens markierten die Parla-mentswahlen im September 2005, aus denen sich das erste afghanische Parlament seit 1973 konstituierte. ?Wir haben bei unter Null angefangen, das Land wieder aufzubauen?, so Dr. Jalil Shams. Viel sei in der kurzen Zeit erreicht worden. Wie der Bau eines Straßennetzes. 6000 Kilometer asphaltierte Straßen sind das Ziel, das ange-strebt wird. ?Unser Land wird endlich verbunden?, betonte der Wirtschaftsminister. Auch Telefonieren sei nun auch in den kleinsten Dörfern möglich. Dank des Wiederaufbaus besuchen mittlerweile 6,5 Millionen Kinder die Schule. ?40 Prozent davon sind Mädchen?, so Dr. Shams. Vor 2001 belief sich die Zahl gerademal auf eine halbe Millionen. In Bezug auf die Infrastruktur berichtete der Wirtschaftsminister, dass die Stromversorgung noch ver-bessert werde. Vorhaben ist, 30 Prozent der Bevölkerung an das Stromnetz zu binden. In Anbetracht der Fort-schritte müsse man sich immer wieder die Ausgangslage vor Auge halten. ?Nach 22 Jahren Krieg und Bürger-krieg war Afghanistans Infrastruktur komplett zerstört.? Dr. Shams kam aber auch auf weniger erfreuliche Kompo-nenten zu sprechen. Bekannt ist, dass die afghanischen Außenbeziehungen von Schmuggel beherrscht werden. Die Anbaufläche für Schlafmohn steigt seit der Beseitigung des Taliban-Regimes kontinuierlich. Im Jahr 2006 erneut um 59 Prozent auf rund 193 000 Hektar. Nach Angaben des UNOBüros für Drogen und Verbrechen wur-den 2006 über 6000 Tonnen Opium geerntet, das entspricht 92 Prozent der gesamten Weltproduktion. ?Wenn die Bauern anders wirtschaften könnten, würden sie die Drogen nicht anfassen?, so Dr. Shams. ?Es gibtaber keine billigen Kredite für die Landwirte?. Derzeit laufe der Versuch, ein Argrarfonds einzurichten.?

Als weitere Komponente nannte der Wirtschaftsminister den Terrorismus. Er kritisierte insbesondere die Selbst-mordattentate, die laut der Lehre des Islams absolut verboten seien. ?Wie kann eine derartige Tat ein islamischer Akt sein?? Das Ziel, am weiteren Aufbau der Sicherheitskräfte zu arbeiten, werde daher verfolgt. Leider versäumt habe die Regierung, die Rolle dieser Kräfte der Bevölkerung zu verdeutlichen. Der Begriff Souveränität sei nicht neu formuliert worden. Ausländer in Uniform würden noch nicht als Freunde betrachtet. Dr. Shams erklärte aber auch, dass die Situation im Land längst nicht so drastisch sei, wie durch die Medien oft überspitzt nach außen getragen würde. Afghanen wie auch die internationale Gemeinschaft würden sich aber allen Herausforderungen stellen, um eine Verbesserung herbeizuführen ?Es gibt keine Alternative. Wir sind dazu verdammt, erfolgreich zu sein?, brachte es der Wirtschaftsminister abschließend auf den Punkt. Am Ende der Veranstaltung nutzen die Zuhörer die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Lambert Stoll, Schatzmeister im Verein ?Afghanistan-Hilfe? interessie-re die Motivation des Ministers, das hohe Risiko in Afghanistan einzugehen, obwohl er in einem sicheren Umfeld bereits seinen Ruhestand genießen könnte. Dr. Jalil Shams bezeichnete seinen unermüdlichen Einsatz für Af-ghanistan schlicht als Idealismus ? ?nennen Sie es Tick?.

(Quelle: Siegener Zeitung vom 21.12.2007)


Im Beisein von Gerd Müller (vorne, l.), erster stellv. Bürgermeister der Gemeinde Wenden, Jochen Sauermann, zweiter stellv. Bürgermeister der Gemeinde Wenden, der Fraktionsvorsitzenden Robert Dornseifer (SPD), Elmar Holterhoff (Grüne), Kunibert Kinkel (CDU) und Masaod Roohani (v. l.) trug sich der Wirtschaftsminister Dr. Jalil Shams in das Goldene Buch der Gemeinde Wenden ein.

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